„Frau Hennig, warum kann ich den Virus nicht sehen“ - Kindergarten der Kirchengemeinde St. Verena nutzt die Corona-Zeit und geht neue Wege

Kehlen (wie) Die Erzieherinnerinnen im Kindergarten Kehlen bringen den Waldkindergarten auf Vordermann, legen eine Bibliothek an und sorgen mit Überraschungspaketen bei den Kindern zuhause für Abwechslung. Nicht nur damit, auch telefonisch halten sie den Kontakt zu ihren Schützlingen und den Eltern. Das Notprogramm läuft. Die Hürden dafür sind groß.

Es ist ruhig geworden im Kindergarten in Kehlen. Es wuselt nicht mehr rund ums Haus und drinnen ist alles sehr überschaubar und ungewöhnlich leise. Bis zum 26. April war wegen der Corona-Krise kein Kind mehr hier im Kindergarten. Es hatten keine Eltern für die Notbetreuung gemeldet, die in „systemrelevanten Berufen“ arbeiten. Die Erzieherinnen haben Urlaubstage investiert und Überstunden abgebaut. Sieben Kinder in drei Gruppen, sind es nun wieder, von Eltern, die „Präsenzpflicht“ bei ihrer Arbeit haben oder dort „unabkömmlich“ sind. Diese Zeit haben Kehlens Erzieherinnen und ihre Leiterin Margit Hennig zu jeder Stunde genützt. „Man könnte von unseren Büchern essen“, sagt sie, denn alles hier ist desinfiziert.

Eine Bibliothek haben sie angelegt, geputzt bis in die letzte Ecke und den Waldkindergartenplatz auf Vordermann gebracht. Mit ihren Kolleginnen ist Silke Bleicher losgezogen und hat den Platz von Sturmholz befreit, die „Häuser“ der Kinder auf ihre Standfestigkeit geprüft, neue Sitzplätze angelegt und das Handwerkszeug der Kinder mit nach Hause genommen zum großen Kundendienst. „Es war einiges zu tun“, freut sich die Erzieherin über diese gemeinsame Aktion und ist bestens vorbereitet, wenn es irgendwann wieder losgeht. Immer donnerstags war sie mit den „Großen“, den Vorschulkindern im Wald unterwegs, erforschte die Natur und erlebte mit ihnen ihre Heimat jedes Mal neu. Beim Naturtag an jedem ersten Freitag im Monat durften auch die Vier- bis Fünfjährigen mit hinaus in die Natur. „Wir bedauern sehr, dass alle Events für die Kinder ausfallen, wie der Waldabschluss im Juni“, sagt sie, „bei dem immer mehr Eltern so gerne dabei sind und dafür extra Urlaub nehmen“.

Für insgesamt 10 Kinder pro Regelgruppe machen die Erzieherinnen in Kehlen nach einer weiteren Lockerung den Weg nun wieder frei. Sie zeigen große Verantwortung, um die Gesundheit aller Beteiligten weit möglichst zu sichern. Die Anforderungen dafür sind groß.  Allein das Händewaschen beim Kommen, Gehen, nach und vor dem Essen oder dem Toilettengang sind ein immenser Zeitaufwand und darf nicht unbeaufsichtigt geschehen. Tische müssen vor und nach jedem Essen desinfiziert werden und nicht nur diese. Zwei Erzieherinnen fallen dafür aus. Sie zählen aufgrund Ihres Alters zur Risikogruppe und übernehmen andere Arbeiten. „Die Kinder haben sehr großen Redebedarf. Wir müssen sie auffangen“, beschreibt Margit Hennig, „auch ihre Welt ist komplett aus dem Ruder gelaufen“. „Warum darf ich nicht zu Oma? Warum kann ich den Corona nicht sehen? Warum darf mein Bruder nicht kommen, kann der schneller krank werden? Kann ich auch sterben?“, sind nur einige Fragen der Kinder.

Da sind Mutmacher gefragt, die Zeit für sie finden. „Halten Sie durch“ ruft das Team auch all den Eltern zu und informiert sie persönlich und telefonisch, wenn es für sie relevante Neuerungen gibt. Mit Überraschungspaketen, die Spiele, Wochenpläne, Bastelanleitungen und auch -material enthalten, machen sie deutlich, wie sehr ihnen das Wohl der Kinder am Herzen liegt, wie sehr sie an sie denken. Auch diese Verteilung übernehmen die Erzieherinnen. Wenn dann ein kurzes Mail als Dankeschön, zurückkommt, ist die Freude groß und die Gewissheit da, dass es allen gut geht. 

(erschienen SZ Tettnang/wie)